Situationsdidaktik für ein sinnvolles Lernen

Mit dem Konzept der Situationsdidaktik will das EHB IFFP IUFFP die Grundlagen für einen sinnvollen, lebendigen Unterricht u.a. in den Fremdsprachen schaffen. Dabei werden Lerninhalte möglichst an die berufliche Tätigkeit oder den privaten Alltag der Lernenden angeknüpft. Gianni Ghisla ist verantwortlich für die Ausbildung der Berufsbildungslehrkräfte am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung in Lugano sowie Mitherausgeber der Zeitschrift für Sprachunterricht und Sprachenlernen Babylonia.

Ghisla Gianni

«Eine Unterrichtsstunde beginnt nicht mit der Theorie, um danach zu den praktischen Übungen überzugehen. Nein, ich setze zuerst bei den praktischen Situationen an, um dank einer analytischen Verarbeitung der Erfahrung sinnvolles Wissen einführen zu können.»

Gianni Ghisla, Mitautor Konzept Situationsdidaktik

Herr Ghisla, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Meine Jugend wurde von der Tätigkeit einer Bergbauerngrossfamilie geprägt, obzwar sich mein Vater auf dem zweiten Bildungsweg auch den Elektrikerberuf angelernt hatte und ausübte. In diesem Umfeld konnte ich allerlei Arbeiten verrichten, was meine Identität zutiefst prägte. Dies kam mir später bei der Entwicklung einer neuen (postakademischen) Beziehung zur Arbeitswelt und zur Berufsbildung sehr gelegen. Dass ich keine Berufslehre absolvierte lag sowohl an der familiären Biographie – mein Vater hat alles getan, um die eigenen Söhne studieren zu lassen –, als auch am sozio-kulturellen Umfeld der Nachkriegszeit: Im Kanton Tessin suchte man hastig nach einer historischen Erlösung von der eigenen Vergangenheit, die von Armut und Rückständigkeit geprägt und deshalb als zutiefst ungerecht empfunden wurde. Dies geschah entweder mit dem Zugang zu einer schnellen Wohlstand und Sicherheit versprechenden Arbeit – z.B. bei den Regiebetrieben wie Post und SBB und bei den Banken – oder eben mit der Suche nach Prestige und sozialem Aufstieg in der akademischen Perspektive. So wurde ich sozusagen in eine akademische Laufbahn hineinversetzt und ich studierte neben Philosophie und Pädagogik auch Nationalökonomie, aber erst in den letzten 20 Jahren habe ich das Glück gehabt, meinen Horizont mit der Neuentdeckung der Arbeitswelt zu erweitern.

Sie beschäftigen sich mit dem Konzept der Situationsdidaktik. Bitte erklären Sie dieses.

Zwar spielt sich unser Alltag seit je in Situationen ab, in der Familie, im Beruf, in der Freizeit, und dennoch beginnt man erst jetzt diese Kategorie in ihrem pädagogisch-didaktischen Potential wirklich zu entdecken und sie für eine sinnvolle Verbindung zwischen Schule und Lebenswelt nutzbar zu machen. Wenn man einen guten Koch ausbilden will, dann ist es eigentlich naheliegend, bei seiner Tätigkeit anzusetzen und die Frage zu stellen: Was braucht ein guter Koch, welche Ressourcen sind notwendig, damit er seinen Beruf am besten, d.h. kompetent, ausüben kann? Situationen sind ein dankbares Mittel, diese Fragen zu beantworten. Sie sind sozusagen ein Schlüssel zur Welt, sie erlauben uns die anspruchsvolle Tätigkeit des Kochs so zu segmentieren und zu beschreiben, dass sie in didaktischer Absicht erschlossen werden kann. Damit gelingt es, sie auf sinnvoller Weise in die Schule hineinzubringen oder, wie man dies auf Französisch schön ausdrücken kann, eine ‚transposition didactique’ zu ermöglichen. Situationsdidaktik knüpft natürlich an die Tradition des Lernens im Handeln an, wie sie von den mittelalterlichen Werkstätten beinahe nahtlos in unsere Berufsbildung tradiert wurde. Spannend ist es heute, wie auch dank der modernen Technik (z.B. via Smartphones) diese Verknüpfung von Schule und Alltag, Theorie und Praxis hergestellt werden und so die Erfahrung als eine entscheidende Basis für den reflexiven Lernprozess genutzt werden kann. So können unsere angehenden Köche ihre Erfahrungen am Arbeitsplatz quasi 1:1 für den Unterricht nutzbar machen. Wir sprechen dabei von einem „circulus virtuosus“, von einem ‚tugendhaften Kreis’ zwischen Theorie und Praxis: Den Ausgangspunkt bildet dabei in der Regel nicht die Theorie, sondern die Praxis, d.h. es geht um einen Kreislauf Praxis-Theorie-Praxis, der bei den Situationen ansetzt und wieder auf die Situationen zurückgeht. Prägnant ausgedrückt: Eine Unterrichtsstunde beginnt nicht mit der Theorie, um danach zu den praktischen Übungen überzugehen. Nein, ich setze zuerst bei den praktischen Situationen an, um dank einer analytischen Verarbeitung der Erfahrung sinnvolles Wissen einführen zu können. Dies ist eine kleine didaktische Revolution, ein Paradigmenwechsel. Nebenbei gesagt: Gute Lehrkräfte haben schon immer auch so gearbeitet...

Viele Bildungspläne von Berufen verfolgen heute den CoRe-Ansatz (Kompetenzen-Ressourcen-Modell). Gibt es da Berührungspunkte?

Ja sicher, ich würde gar von einer wichtigen Kontinuität sprechen, was natürlich nicht heissen soll, dass Situationsdidaktik notwendigerweise CoRe-Bildungspläne voraussetzen würde. Die Konstruktion von Bildungsplänen nach dem CoRe-Ansatz geht explizit von der Analyse der beruflichen Tätigkeit aus. Es wird danach gefragt, welche bedeutsamen und repräsentativen Arbeitssituationen charakterisieren das berufliche Handlungsfeld, wobei einerseits auch ein aufmerksames Auge auf die Zukunftsentwicklung des Berufs geworfen und andererseits die kulturelle Dimension nicht ausser Acht gelassen wird. Die so identifizierten Situationen werden gruppiert und bilden ein Grundgerüst des Bildungsplans, wodurch ein gemeinsamer Horizont für die verschiedenen Lernorte geschaffen wird und, soweit wie möglich, auch eine gemeinsame Sprache. Die Situationen im Bildungsplan können auf verschiedene Weise beschrieben werden, etwa eher analytisch oder eher narrativ. Wir beobachten jedenfalls, wie die Lehrkräfte in fruchtbarer Manier in ihrem Unterricht darauf zurückgreifen können. Grundsätzlich versuchen CoRe-Bildungspläne die zur erfolgreichen, kompetenten Ausübung eines Berufs notwendigen Ressourcen zu beschreiben, und zwar in Form von Kenntnissen, Fähigkeiten und Haltungen. Es ist die Integration dieser Ressourcen, die in der praktischen Tätigkeit die Kompetenzen generiert. Häufig wurde die Kritik laut, CoRe sei einseitig auf die Arbeit bzw. auf die unmittelbare Verwertbarkeit des Wissens ausgerichtet und vernachlässige die allgemeinbildende Komponente. Ich würde sagen, das Gegenteil ist richtig: Wir gehen davon aus, dass ein kultureller Diskurs dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn er direkt oder indirekt auch von der Arbeitswelt legitimiert wird. Man kann ja nicht davon ausgehen, dass die Allgemeinbildung am Morgen beim Zugang zum Arbeitsplatz aussen vor bleibt, und umgekehrt am Abend die ‚Arbeitskultur’ abgelegt wird... CoRe strebt eine integrierende Sicht an und will ausdrücklich einen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt leisten.

Sie haben das Konzept der Situationsdidaktik auf das Lernen von Fremdsprachen angewendet. Können Sie Beispiele machen, wie situationsorientierter Unterricht für Fremdsprachen an Berufsfachschulen oder in der Berufsmatura aussehen könnte?

Wir bilden z.B. Fremdsprachenlehrkräfte aus, die angehende „Fachleute für Gesundheit und Soziales“ oder AssistentInnen für Arzt- und Zahnarztpraxen in Englisch oder Deutsch unterrichten. Diese Lehrkräfte begeben sich in ein Spital, in ein Altersheim oder in eine Arzt/Zahnarztpraxis und identifizieren jene Situationen, in denen die Fremdsprache benutzt wird. Solche Situationen bilden dann die Basis für die Gestaltung des Unterrichts, oder zumindest eines Teils davon. Der Aufwand ist etwas grösser als bei der Arbeit an stereotypen Kommunikationsanlässen, aber der Erfolg spricht für sich.

Die meisten Berufslernenden geniessen keinen eigentlichen Fremdsprachenunterricht. Viele Schulen haben deshalb das Konzept des bilingualen Unterrichts eingeführt, wo Fachunterricht in einer zweiten Sprache angeboten wird. Ist dies ein zukunftsträchtiger Weg?

Mit dem Konzept der Situationsdidaktik möchten wir den Fremdsprachenunterricht näher an die berufliche und lebensweltliche Realität der Lernenden heranführen. Allerdings geht es nicht um die blosse Verwertbarkeit von sprachlichem Wissen und Können in Handlungssituationen. Wir halten dafür, dass jede erlernte Sprache auch immer ein Fenster zur Welt ist. Deshalb sollte die Begegnung mit der entsprechenden Kultur stets auch ein Teil des Fremdsprachenlernens sein. Schliesslich leben Sprachen von den Kulturen, die sie repräsentieren und deshalb ist es ja auch sinnvoll, jene Kulturen zum Gegenstand des Unterrichts zu machen. Das ist ein Grund, warum man das Konzept des bilingualen Fachunterrichts auch kritisch betrachten sollte: Im bilingualen Unterricht steht das fachliche Wissen im Zentrum des Interesses und es ist deshalb schwierig, die Sprache in ihrer kulturellen Dimension zu erfassen. Und dennoch: Der bilinguale Unterricht ist als eine mögliche Form des Fremdsprachen-Unterrichts neben anderen wie der mehrsprachige Unterricht in den Kleinstberufen zu fördern.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Bei der Beantwortung dieser Frage ist Vorsicht geboten, zu schnell kann der Wunsch zum Vater des Gedankens mutieren... 2030 ist nicht mehr so weit weg, aber angesichts des rasanten und grundlegenden Wandels unseres Lebens ist es schwierig, auch nur zu erahnen, was sein wird. De facto setzen dank der Technik nicht nur soziale sondern gar anthropologische Veränderungen an, die gerade im Bereich der Schule und der Arbeitswelt Ungeahntes verheissen. Werden wir noch Fremdsprachen im herkömmlichen Sinne erlernen? Persönlich glaube (und hoffe) ich ja, denn das Projekt einer humanen Gesellschaft der Moderne verdient es, fortgeführt zu werden. Die duale Berufslehre trägt die Zeichen dieser Humanität, als Ort und Gelegenheit der Integration von Arbeit und Schule, von Alltag und Technik. Wenn ein Grossteil der Arbeit – so hoffen wir – weiterhin von Menschen und nicht von Robotern verrichtet werden wird, dann wird auch das weltweit zunehmende Interesse für unsere integrative Form der Ausbildung nicht abnehmen. Dadurch hat die Berufslehre eine grosse Chance, weiterhin die wichtigste Form der Ausbildung für einen Grossteil der Jugendlichen zu bleiben. Die Qualität der dualen/trialen Berufsbildung hängt seit je von der Leidenschaft, vom Verantwortungsbewusstsein und von der Qualität von Unternehmungen und Ausbildenden ab. Natürlich sind heute angesichts der Komplexität der Prozesse Instrumente der administrativen Kontrolle und Steuerung in zunehmendem Masse notwendig. Was wir aber zur Zeit erleben, scheint die Grenzen des Vernünftigen zu überschreiten und birgt die Gefahr, die Berufsbildung von Innen zu sprengen. Durchwegs normierte Bildungspläne mit über 500 sogenannten Lernzielen – die eigentlich nur Kontrollzwecken dienen – für einen einzigen Beruf, sind jenseits des Fassbaren für Lehrkräfte, Schulen und Unternehmungen, die verantwortungsvoll ausbilden wollen. Das Pendel hat wohl zu weit ausgeschlagen und es ist dringend an der Zeit, diesbezüglich über die Bücher zu gehen und eine Wende einzuleiten. Dies ist wohl einer der grössten Herausforderungen für eine humane und erfolgreiche Berufsbildung in Richtung 2030.

03.06.2015

  • Bemerkung

    Eine Plattform zur Situationsdidaktik und zu CoRe ist zur Zeit im Aufbau. Grundlagentexte in Deutsch, Französisch und Italienisch können bei den Autoren bezogen werden. gianni.ghisla@iuffp-svizzera.ch / elena.boldrini@iuffp-svizzera.ch / luca.bausch@iuffp-svizzera.ch

Kontakt

Gianni Ghisla Gianni.Ghisla@iuffp-svizzera.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

Weitere Informationen

Download

ghisla_situationsdidaktik_im_unterricht.pdf
Interview als pdf (PDF, 308.88 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 12.07.2016

Job

educa.ch