Selbstorganisiertes Lernen (SOL)

Ursula Wenger und Anita Schuler sind beide Lehrerin an einer kaufmännischen Berufsschule (Bildungszentrum für Wirtschaft und Dienstleistung Bern BWD sowie Bildungszentrum Zürichsee BZZ) und unterrichten das Fach IKA. Beide haben sie im Unterricht mit ihren Lernenden selbstorganisiertes Lernen -SOL genannt- ausprobiert. Sie berichten über ihre Erfahrungen mit dieser Form von kompetenzbasiertem Lernen.

Schuler Wenger

"Lerncoaching unterstützt und begleitet Lernende mit dem Ziel, ihren Lernprozess zu verbessern und ihr eigenes Lernmanagement weiter zu entwickeln." Ursula Wenger (links)

"Ich bin absolut überzeugt, dass eine Lehrperson zuerst bei sich selber spüren muss, was passiert, wenn sie selbstorganisiert lernt." Anita Schuler (rechts)

Ursula Wenger und Anita Schuler, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ursula Wenger: Ich habe eine kaufmännische Berufslehre gemacht, da ich mit 15 Jahren nach 9 Jahren Schule vermehrt etwas Praktisches machen wollte. Ich war damals im Leiterteam der Jubla (Jungwacht und Blauring) und hatte einen guten Ausgleich zum Berufsalltag mit Berufsschule. Gleich nach der kaufmännischen Lehre fuhr ich für ein Jahr nach Paris als Au-Pair und besuchte dort die Alliance française, um ein Sprachdiplom zu erwerben. Zurück in der Schweiz besuchte ich berufsbegleitend als eine der jüngsten Studierenden den Vorbereitungsunterricht auf die höhere Fachprüfung zur eidg. dipl. Direktionsassistentin. Ich arbeitete damals am geografischen Institut der Universität Fribourg im administrativen Bereich und erhielt eines Tages einen Telefonanruf eines früheren Berufsschullehrers, der mich anfragte, ob ich als Praktikerin im Rahmen der Vorbereitungsschule für Direktionsassistentinnen unterrichten möchte. Ich sagte zu und besuchte die Bürofachlehrer-Ausbildung. So wurde ich Lehrerin auf dem zweiten Bildungsweg, was für mich bis heute die richtige berufliche Entwicklung ist. Die Lernenden der kaufmännischen Berufsfachschule und ich schätzen es, dass ich für das praktische Fach IKA selber eine kaufmännische Lehre absolviert habe. Im Verlaufe der letzten 30 Jahren habe ich das Thema «Lernen» aus vielfältiger Sicht kennengelernt und vertieft und bis heute immer mit kürzeren und längeren Weiterbildungen weiter entwickelt und habe immer wieder das Gelernte in der Praxis umgesetzt.

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Hören Sie über den Start einer vielseitigen beruflichen Karriere von Anita Schuler. (MPEG, 685.75 KB)

Selbstorganisiertes Lernen (abgekürzt SOL) - was kann man darunter verstehen?

Ursula Wenger: An unserer Berufsfachschule, dem BWD Bern, verstehe ich unter SOL eine Form von kompetenzorientiertem Unterricht, d. h. problemorientierter bzw. handlungsorientierter Unterricht mit Lernlandschaften, bei dem vor allem auch die Lernprozesse von zentraler Bedeutung sind. Das Zusammenspiel von Fachunterricht mit Lernlandschaften, Lernstudio, Lerncoaching und Portfolio führt zu einem nachhaltigen Lernerfolg. Die kompetenzorientierte Didaktik berücksichtigt folgende Indikatoren guten Unterrichts in besonderem Masse:

  • Klare und genügend anspruchsvolle praxisorientierte Aufgabenstellungen

  • Klare Struktur und Klassenführung

  • Persönliche Standortbestimmung ermöglichen

  • Advanced Organizer und Selbsteinschätzung

  • Feedbackgespräch

  • Lerncoaching im Fachunterricht

  • Lernprozesscoaching im Lernstudio

  • Formative und summative Tests

  • Reflexionen

  • Portfolio: Unterlagen sammeln, Kompetenzen dokumentieren, Lernprozesse dokumentieren, erfolgreiche Stellenbewerbung

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Hören Sie Anita Schuler, wie sie selbstorganisiertes Lernen definiert. (MPEG, 1.68 MB)

Im Selbstorganisierten Lernen hat die Lehrperson eine andere Rolle. Bitte skizzieren Sie diese.

Ursula Wenger: Man muss als Lehrperson vermehrt loslassen können. Es ist wichtig, dass man zeitweise den Lernenden Freiheiten einräumt. Lernende müssen erfahren können, was selbstorganisiertes Lernen ist. Das beschriebene Lehr-Lernverständnis stellt erweiterte Anforderungen an die Lehrpersonen. Im Fachunterricht bleibt eine klare Strukturierung der Inhalte zentral. Die Lehrpersonen bereiten Lernlandschaften vor, welche ein differenziertes inhaltliches Lernen ermöglichen. Die Lernenden übernehmen die Steuerung ihres Lernens aufgrund ihrer Selbsteinschätzung. Sie werden von den Lehrpersonen mit Hilfe formativen Feedbacks und inhaltlichen Impulsen unterstützt. Lerncoaching unterstützt und begleitet Lernende einzeln oder in Gruppen mit dem Ziel, ihren Lernprozess zu verbessern und ihr eigenes Lernmanagement weiter zu entwickeln. Das hat sich geändert im Fachunterricht

Der Stoffplan von früher wird durch Kompetenzraster ersetzt. Die Lernenden erkennen dank „Checkpunkten“ selber, was sie bereits können und wo sie noch dran arbeiten müssen.

heutefrüher
Kompetenzraster und CheckpunkteStoffplan mit Lernzielen
Lernlandschaften und PlanungsinstrumenteArbeitsblätter
Problemorientierte Aufgabenvorallem Wissensaufgaben
gezielte Inputs und Coachinggesprächeregelmässiger Input
eigenverantwortliches Arbeitenangeleitetes Arbeiten
Rolle Lehrperson: Führung und CoachingLehrerzentrierter Unterricht
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Anita Schuler erzählt über ihre veränderte Rolle als Lehrerin. (MPEG, 3.7 MB)

Lernen von Kompetenzen ist ein zentraler Bestandteil von SOL. Wie initiieren Sie dies in Ihrem Unterricht?

Ursula Wenger: Zuerst werden die Grundlagen im Unterricht erarbeitet, dann werden Aufgaben gestellt, in denen die Lernenden Kompetenzen zeigen können. Motiviertes Lernen gelingt besser, wenn drei grundlegende Bedürfnisse im Unterricht unterstützt werden: Autonomie , soziale Zugehörigkeit , Kompetenzerleben (Deci & Ryan) Wichtig ist es, gleich zu Beginn der Ausbildungszeit überfachliche Kompetenzen zu lehren und lernen.

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Wie Anita Schuler kompetenzoriertiertes Lernen initiiert. (MPEG, 5.38 MB)

Eine Lehrperson will Erfahrungen mit SOL machen. Welche Vorgehensweise empfehlen Sie?

Ursula Wenger: Für die praktische Umsetzung im Unterricht heisst dies: Zuerst kurze Theorieblöcke durch Lehrperson, dann längere Blöcke in denen selbstorganisiert gelernt wird und die Lehrperson als Fachlehrer gefragt werden kann. Erstellen von Lernlandschaften zusammen im Fachlehrerteam, regelmässiger Austausch mit andern Lehrpersonen, die Schulung von Lern- und Arbeitsstrategien soll von Anfang an und integriert geschehen. Es ist sinnvoll, zusammen mit der Schulleitung ein Unterrichtsentwicklungsprojekt zu planen und umzusetzen und dieses laufend von externer Stelle evaluieren und begleiten zu lassen.

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Hören Sie Anita Schulers Tipps. (MPEG, 3.04 MB)

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Ursula Wenger: Heterogenität, Gemeinschaft im Klassenverband erleben wollen und trotzdem ein hoher individueller Differenzierungsgrad gewährleisten, Über- und Unterforderung, dies sind einige Herausforderungen für den Unterricht. Ich glaube, dass die Mehrheit der Jugendlichen wieder vermehrt eine Berufslehre absolvieren wird. In unserem Bildungssystem ist die Durchlässigkeit ein grosses Plus. Durch Schulentwicklungen und regelmässige Evaluationen des Unterrichts werden Lehrpersonen und Lernende in besonderem Masse auf die beruflichen Anforderungen im Berufsalltag vorbereitet.

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Hören Sie, wie Anita Schuler die Zukunft der Berufsbildung sieht. (MPEG, 3.47 MB)

02.12.2015

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Ursula Wenger ursula.wenger@bwdbern.ch

Anita Schuler anita.schuler@bzz.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 01.12.2015

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